Kevin Kruth beendet seine besondere Karriere

Es läuft die 64. Minute in der finalen Saisonpartie der Borussia gegen den Mittelrheinliga-Meister SV Bergisch Gladbach. Im Stadion an der Ederener Straße brandet von allen Seiten Applaus auf, einzelne Freialdenhovener Anhänger stehen sogar auf. Der Grund: Gerade verlässt Kevin Kruth das Spielfeld, zum letzten Mal als aktiver Fußballer. Er winkt ins Publikum und verdrückt ein Tränchen bei einer innigen Umarmung mit Trainer Wilfried Hannes (Foto oben). Die Fans wissen: Hier geht jemand, der sich immer für Mannschaft und Verein eingesetzt hat, auch über die Schmerzgrenze hinaus.

Denn Kevin machte seit Monaten Arthrose dritten Grades im Knie zu schaffen. Hing er sich sonntags auf dem Platz rein, konnte er montags nicht mal Treppenstufen steigen. In der Hinrunde verspürte er schon Beschwerden, in der Rückserie musste er sich für die Spiele fitspritzen lassen. „Das funktionierte sechs Wochen problemlos, anschließend ging es aber wieder rapide bergab. Das war sehr hart für mich“, berichtet Kevin. Er hatte noch große Lust auf Fußball und den Wettbewerb, verlängerte zudem bereits seinen Vertrag. Doch nach reiflicher Überlegung und stets offener Absprache mit seinem Coach und Borussias Präsident Rolf Imdahl fiel der Entschluss zum Karriereende. „Es wäre Quälerei gewesen“, ist der Torjäger überzeugt. „Jedes Wochenende nur mit Medikamenten zu hantieren, hätte keinen Sinn gemacht. Indem ich mich irgendwie durchhangele, würde ich außerdem meinem Leistungsanspruch nicht gerecht werden und auch dem Team keinen Gefallen tun.“

So schloss der 33-Jährige seinen Lebensabschnitt des aktiven Fußballs, mit dem er rückblickend zufrieden ist. „Es lief sehr gut 15, 16 Jahre lang. Glück hatte ich vorrangig mit den fünf, für mich prägenden Jahren bei Fortuna Köln. Da habe ich viel gesehen und erlebt. Das war schon Wahnsinn.“ Zum langjährigen Zweitligisten zog es ihn nach seinen Jugendstationen FC Düren-Niederau und Alemannia Aachen sowie den ersten Seniorenjahren beim GFC Düren 09. In der Südstadt wurde der „Dürener Jung“ eines der Aushängeschilder um die Aufstiege 2008 (in die inzwischen aufgelöste NRW-Liga) und 2011 (in die Regionalliga). Kevin lernte dort „zahlreiche sympathische und unterschiedliche Menschen“ kennen, mit denen er immer noch Kontakt pflegt. Erst vor wenigen Wochen unterstützte er den Klub mit Sohn Tom im Drittliga-Abstiegskampf auf der Tribüne.

„Er ist die Verkörperung der damaligen Fortuna-Zeit, brachte stets vollen Einsatz und war nah zu uns Fans. Sein Vater, seine Frau Nicole und sein Bruder waren früher immer mit dabei“, erzählt Kölns Fanbeauftragter Ingolf Stollens. Kevins Stil kam an bei der Anhängerschaft des Traditionsvereins, die Charaktere hochleben lässt, die sich gefühlt für ihre Farben zerreißen. Dass Kevin dazuzählt, vermittelten ihm die Fortuna-Supporter auch beim Pokalduell in Freialdenhoven (Foto links), als sie den Stürmer mit Sprechchören bedachten, obwohl er für die Borussia und damit den Gegner auflief. „Ich bin nie der Filigrane gewesen, der drei, vier Übersteiger macht, sondern ich musste mir alles hart erkämpfen und erarbeiten.“ Vornehmlich auf diese Art wurde er 2009 mit 21 Toren Zweiter in der Torschützenliste der NRW-Liga. Dabei war der Versicherungsfachwirt zeitweise der Einzige im Kölner Kader, der neben dem Fußball einen regulären Job ausübte – halbtags, unweit des Vereinsgeländes. Als einen seiner größten Momente bei der Fortuna bezeichnet er das Jokertor im WM-Stadion auf dem Betzenberg, in der Nachspielzeit gegen die Zweitvertretung des 1. FC Kaiserslautern.

Knappe eineinhalb Jahre später war der Fußball für Kevin gar nicht mehr so wichtig. Kurz vor Weihnachten 2012 erfuhr er, dass er unter Lymphdrüsenkrebs litt. Der zweifache Vater, der Fighter auf dem Rasen, nahm den harten Kampf gegen die Krankheit an und gewann ihn. „Ich weiß nicht, wie ich das alles ohne meine Familie und den Fußball überstanden hätte.“ Vor allem die enorme Bedeutung des Gemeinschaftsgefühls im Sport gab ihm viel zu der Zeit. Für die große Unterstützung seines damaligen Vereins GFC Düren 99 in jener schweren Phase dankt er dem Klub von der Westkampfbahn noch heute. Doch im Alter von 30 Jahren und seit längerem wieder vollkommen gesund wollte er sportlich nochmal angreifen. So stieß er 2016 zur Borussia und fühlte sich vom ersten Tag an pudelwohl. „Ich merkte gleich: ‚Hier bist du richtig‘. Was Herr Imdahl und der Trainer hier machen, ist einzigartig in dieser Region.“

Der Offensivmann zahlte es zurück mit Präsenz und Engagement, mit dem energischen Anfeuern der Teamkollegen und natürlich mit Toren. 45 Treffer in 91 Pflichtspielen für Freialdenhoven – das ist die starke Bilanz des Goalgetters. Besonders gern netzte die Rückennummer neun mit seiner Spezialität, dem Kopfballspiel, ein, aber auch mit den Füßen war er zur Stelle oder sogar auf dem Boden liegend – wie beim Tor gegen den 1. FC Düren vor gut 1.300 Zuschauern. „Den Ball reingekruthet“, schrieb dazu ein Boulevard-Blatt. „Ich bin ja für die Kisten geholt worden. Allerdings habe ich den Schritt zur Borussia vielleicht zwei, drei Jahre zu spät gemacht. Da wäre ich noch mehr ‚im Saft‘ gewesen.“

Für Wilfried Hannes war klar: Einen echten Typen wie Kevin, der ein hohes Ansehen in der Mannschaft genießt, möchte er im Verein halten. Daher konfrontierte der Fußballlehrer ihn mit seinem Wunsch, dass Kevin ab der kommenden Saison die vakante Co-Trainer-Stelle ausfüllt. Kevin erfreute das Angebot: „Die spannende Aufgabe passt für mich ideal, weil ich dem Fußball weiter verbunden sein will. Meine Familie steht dahinter, was sehr wichtig ist, denn ich werde demnächst nicht weniger Zeit mit Fußball verbringen.“ Erste Ziele formuliert er auch schon: „Ich denke, wir wollen immer die Nummer eins im Kreis Düren sein, wie wir‘s ebenso in diesem Jahr eindrucksvoll unter Beweis stellten. Dazu möchten wir jede Saison ein Highlight-Spiel erleben, wie zuletzt gegen die Alemannia. Nur das Ergebnis darf dann anders aussehen.“ In seiner neuen Funktion will Kevin Kruth, der in seinem Leben auf und neben dem Platz nie aufgab, also mit dazu beitragen, dass die Borussen-Fans auch künftig Gründe haben, kräftig zu applaudieren.

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Fotos: Ashley Greb / Lothar Offermanns / Wikipedia / FuPa